Selbsthilfetag 2015 - Inklusion in der Schule

Auf der Suche nach dem besten Weg ins Leben

Inklusion in der Schule Thema beim Selbsthilfetag der Arbeitsgemeinschaft Behinderter Menschen

BAUNATAL. 15 Prozent der Schüler haben psychische Probleme, fast jedes dritte Grundschulkind ist hyperaktiv, sagt Prof. Bernd Ahrbeck. Die Grenzen, ob und wann ein Kind beeinträchtigt ist und eine bestimme Förderung benötigt, verlaufen oft fließend. Wie es gelingen kann, dass ein Mensch den besten Weg ins Leben findet, war eine der Fragen des Selbsthilfetags zum Thema „Inklusion in der Schule – voll behindert?“, zu dem die Arbeitsgemeinschaft Behinderter Menschen, Angehöriger und Beiräte in der Diakonie Hessen (AGBM) den Erziehungswissenschaftler der Berliner Humboldt-Universität nach Baunatal eingeladen hatte.

Inklusion – „ein umstrittenes Thema, das bei vielen mehr Unsicherheit als Euphorie auslöst“, so der Offenbacher Journalist Andreas Winkel zu den knapp hundert Teilnehmern, die AGBM-Vorsitzender Helmut Opper (Bad Arolsen) im Speisesaal der Baunataler Werkstätten der Baunataler Diakonie Kassel begrüßte. Unter ihnen zahlreiche Lehrer, Studierende, Eltern sowie Ehrengäste aus Politik und Kirche.

Der gemeinsame Unterricht von Menschen mit und ohne Behinderung brächte viele Vorteile, aber auch Nachteile mit sich, sagte Prof. Bernd Ahrbeck in seinem Gastvortrag. „Ich bin für eine gemeinsame Beschulung, aber nicht dafür, dass bestimmte Fördereinrichtungen aus Prinzip aufgegeben werden“, so der Erziehungswissenschaftler und Psychoanalytiker. Im Mittelpunkt sollte immer das einzelne Kind stehen, denn jeder habe nur die eine Schulzeit. „Wenn Sie mit einem schwer mehrfach behinderten Menschen arbeiten, brauchen Sie besondere Kompetenz“, so der Wisssenschaftler. Im gegenwärtigen Diskurs um Inklusion seien die Ziele noch nicht genau abgesteckt, ob etwa die soziale Gemeinschaft von Menschen mit und ohne Behinderungen oder das Lernniveau Vorrang habe.

Bei der Inklusion könne es nicht nur darum gehen, den Lernort der Starken für Schwache zu öffnen, vielmehr müssten alle Menschen an der Gestaltung beteiligt sein, so Oberlandeskirchenrat Horst Rühl in seiner Ansprache. Joachim Bertelmann, Vorsitzender der Baunataler Diakonie Kassel, ergänzte: „Wir brauchen in unserem Land eine Kultur des Miteinanders in all seiner Unterschiedlichkeit.“

Die Aufgabe von Förderschulen müsse es sein, ihren Beitrag zu leisten, sich selbst überflüssig zu machen. Jedoch dürfe bei der Einführung inklusiver Schule kein Kind auf der Strecke bleiben. Um Inklusion umzusetzen, bräuchten sich allgemeine Schulen und Förderschulen daher gegenseitig, berichtete Eberhard Eckhard, Schulleiter der Karl-Preising-Schule Bad Arolsen, die seit einigen Jahren als Förderschule mit der Grundschule in Rosenthal (Waldeck-Frankenberg) kooperiert. Dies gelinge nur durch Mehrarbeit und die positive Unterstützung aller Beteiligten.

Das Wahlrecht der Eltern, welche Schulform für ihr Kind die richtige sei, bleibe weiter bestehen, versicherte Eva Henniges (Kassel) im Auftrag des hessischen Kultusministeriums. Die Regelschule sei als ein Teil dieses Wahlrechts anzusehen. Dabei gebe es bei dem Ziel, die Inklusion in Schulen voranzubringen, keinerlei Zeitdruck. Dies könne funktionieren in kleinen Schritten in der Kooperation verschiedener Institutionen, Schulen und Förderzentren, denn: „Schulische Inklusion heißt nicht Integration, sondern alle Schüler im Blick zu haben – dass allen gerecht wird.“

 

HINTERGRUND

Recht auf Teilhabe am gesellschaftlichen Leben

Im März 2009 trat die VN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland in Kraft, die mittlerweile auch in das hessische Schulgesetz eingegangen ist. Ihr Ziel ist es, Menschen mit Beeinträchtigungen uneingeschränkt am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu lassen. Inklusion will laut gemeinsamem Leitfaden von evangelischer Kirche von Kurhessen-Waldeck und Diakonie Hessen die Veränderungen bestehender Verhältnisse und Auffassungen, so dass die Unterschiedlichkeit von Menschen als normal angesehen wird: Alle bringen sich ein und gestalten das Gemeinschaftsleben mit. Die Arbeitsgemeinschaft Behinderter Menschen, Angehöriger und Beiräte in der Diakonie Hessen (AGBM) sieht sich als Sprachrohr für Menschen mit Behinderungen und ihrer Angehörigen. Der Verein organisiert jährlich einen Selbsthilfetag an wechselnden Orten zu verschiedenen Themen des Lebens mit Behinderungen.

(Text und Fotos: Kerstin Diehl)


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